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Dynamischer Kulturtransfer

Alpana Murshida Arzu zählt zu den Berlinern, die man „Rucksackberliner“ nennt, weil sie selbst oder ihre Eltern irgendwann in die Metropole einwanderten. Sie kam 1992 mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin und lebt mittlerweile mehr als 17 Jahre in dieser Stadt, die ihr ein neues Zuhause geworden ist. Ihre Kunst ist geprägt von Einflüssen aus Bangladesh, Indien und von dem, was Karl Horst Hödicke, bei dem sie studiert hat, ihr mit auf den künstlerischen Weg geben konnte.

Was mich zuerst an Alpanas Werk fasziniert, ist diese spezielle Mischung aus Melancholie und Heiterkeit, die nicht sehr „berlinisch“ ist, aber ungemein dynamisch wirkt, insbesondere wegen ihrer leuchtenden Farbverdichtungen. Von Alpana kann man lernen, wie man das Leben aushält, jeder für sich und alle für keinen, und was diese große Komödie ausmacht. Hat das alles mit Kulturtransfer, kulturelle Hybridität und ähnlichen Schlagworten der Globalisierung zu tun? Möglich. Alpana arbeitet in einem modernen Kulturverständnis, das nicht aus Abgrenzung lebt, sondern aus der Neugier auf die Möglichkeiten der interkulturellen Überlappung. Außerdem ist ihre Kunst eine direkte Reaktion auf die momentane Vermischung von Kulturen. Unter den sich verändernden globalen Bedingungen ist der Bezug auf nur einen einzigen Kulturkreis (bzw. eine Nation) nicht mehr als Folklore. Das Feld der Geschichte und Kunstgeschichte wird nicht unwesentlich von diesen Faktoren beeinflusst.

Alpana zählt zu denjenigen Bangladeshi die verstärkt die aktuellen historischen Umwertungen und Neubestimmungen vor dem Hintergrund der Verflechtung mit anderen Kulturen zu deuten beginnen. Die Art und Weise wie kulturelle Erinnerung definiert wird, hat Auswirkungen auf die „Realität“ von Kultur. Vor allem hinsichtlich ihres exkludierenden Charakters. Die Aktualität von Geschichte mit Blick auf die Nachbarn von Bangladesh und das Erbe der Kolonialzeit entwickelt Wirkkräfte, die auf eine Gesellschaft abzielen, deren normative und pragmatische Leistung in Anschluss- und Übergangsfähigkeit bestehen wird. Alpanas Kunst (dazu gehören außerdem ihre Fähigkeiten als Vermittlerin) ist bereits ein offenes Feld der Nutzung transkultureller Formen der Kommunikation und Interaktion.

Aber zuerst lebt die Kunst von Alpana aus starkem Ich-Bewußtsein, das sich gegen eine Welt-Spiegelung behauptet, die von Rohheit und Übertriebenheit gepeinigt wird. Sie fühlt, dass sie keine Schlacht um ein internationales Publikum mit bestimmten Themen schlagen muss, und will das auch nicht. Formal bedeutet das: ihre Bilder bauen sich einfach und ungekünstelt auf aus Klängen und Szenen, die von Linien animiert werden – und nicht aus aseptisch gefügten konzeptuellen Entscheidungen, aus denen heraus die Weltzerbrochenheit an ihren zerstörten Grundfesten vermessen werden soll. Korrespondenzen schwingen harmonisch auf und wieder ab an verschiedenen Enden der Welt, der äußeren wie der inneren, und sind miteinander verschlungen im Geflecht ihrer Beziehungen.

Ist das Kitsch? Nein, das ist eine völlig un-berlinische Art einer harmonisch gestimmten Seelenlage, die aber gerade deshalb nach Berlin gehört, weil an diesem Ort das Disparate auf so unvergleichliche Art aufeinander stößt. Doch wie schnell man sich bei Alpana an den Bruch der Konvention gewöhnt, wie schnell auch an diesen frühlingshaften Ton, oft herrscht eine unverschämte Eingängigkeit vor, die einem früher oder später aber dann doch mal eine Dissonanz oder eine den Linienfluss unterbrechende gezielte Ungelenkigkeit unterjubelt. Meist beides. Alpana entschärft, selbst wenn sie eine zu begabte Künstlerin ist, um die Qual und die Sehnsucht ganz zu unterschlagen. Man ahnt da etwas. Doch im Wesentlichen baut sie an vibrierenden Facetten des Ungesehenen. Die Kunst braucht das Unangenehme der Welt nicht zu überschreien oder zu übertheoretisieren. Es reicht, wenn sie sich mit Schönheit gegen die Verkürzung der Zeittakte stemmt.

Christoph Tannert


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